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Belletristik: Der Poet der kleinen Dinge
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Titel:      Der Poet der kleinen Dinge
Kategorien:      Belletristik
BuchID:      2391
Autor:      Marie-Sabine Roger
ISBN-10(13):      3455400957
Verlag:      Hoffmann und Campe
Publikationsdatum:      2011-10-27
Edition:      Hardcover
Number of pages:      240
Sprache:      Deutsch
Bewertung:     

3.5 
Bild:      cover           Button Buy now



   


Rezensionen
Französisches Sozialdrama mit leisen Tönen

23.03.2012 Bewertung:  3.5 rumble-bee vergibt 7 von 10 Punkten

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Ich finde, die Autorin ist sich und ihren Fähigkeiten treu geblieben, was schon einmal prinzipiell gut ist. Schon in ihrem ersten Buch, \"Das Labyrinth der Wörter\", hatte sie sich in die Perspektive eines Ungebildeten, eines \"Underdog\", versetzt, und aus seiner Sicht das Leben geschildert. Es nahm dann durch die Begegnung mit einem Menschen, der sich tatsächlich für ihn interessierte, eine Wendung zum Guten. Genau dasselbe passiert hier - allerdings hat sich die Autorin einen erfrischend neuen Ansatz einfallen lassen.

Erzähler ist diesmal nicht der Benachteiligte selbst, sondern Alex, eine 30jährige junge Frau, die ein Nomadenleben führt. Heimlicher Held des Buches ist Gérard, der Bruder ihres Vermieters. Er ist geistig behindert und verkrüppelt, und fristet mehr sein Dasein, als dass er es wirklich lebt. Dies liegt hauptsächlich an Marlène, der Frau von Gérards Bruder Bertrand. Durch die Augen von Alex wird nun dieser triste Haushalt herrlich bissig und entlarvend geschildert: Marlène ist in ihrem Leben desillusioniert und gescheitert, und hat auch noch diesen \"Klotz am Bein\", Gérard. Bertrand schuftet in der Fabrik, liebt seinen Bruder aber. Und Gérard selbst - ist schlauer, als man denkt, ist herrlich begeisterungsfähig, und interessiert sich ausgerechnet für Gedichte.

Es ist wirklich herzerwärmend, wie Alex hinter die Fassade des \"Krüppels\" zu schauen beginnt, und sich ihm annähert. Die Tatsache, dass sie eine ziemlich drastische, weibliche \"Schnauze\" hat, macht es der Autorin leicht, gleichzeitig schonungslos und doch einfühlend zu schreiben. Nur eine Tatsache hat mich die Stirne manchmal runzeln lassen: die Autorin hat hier den \"Tick\" entwickelt, immer am Schluss der \"Alex\"-Kapitel einen kleinen, nachgeschobenen Satz einzuflechten, der wohl besonders tiefsinnig sein sollte. Meiner Ansicht nach hätte sie sich diese \"nachgeschobenen\" Sätze lieber sparen sollen, sie waren zumeist überflüssig und plakativ. Nicht immer, aber doch oft.

Das Besondere an diesem Buch ist nun, dass sich die Kapitel aus Alex\' Sicht abwechseln - und zwar mit der Perspektive von Cédric, dem zweiten Erzähler dieses Buches. Er ist 28, arbeits- und perspektivlos, und hängt mit seinem etwas seltsamen, aber doch drolligen Freund Olivier immer an der anderen Seite des \"Kanals\" ab - genau dort, wo Alex mit Gérard spazieren geht. Durch diverse Vorfälle kommen sich beide Parteien näher, bis schließlich eine Freundschaft entsteht. Sehr gut gemacht - denn die beiden Perspektiven von Alex und Cédric ergänzen sich, schildern auch mal Vorkommnisse völlig gegensätzlich. Der eine nimmt den Faden aus dem vorigen Kapitel wieder auf, und \"gibt seinen Senf dazu\". Sehr oft habe ich geschmunzelt, wie sehr sich doch Männer und Frauen missverstehen können! Der Wechsel hat mir wirklich gut gefallen, das brachte Leben ins Buch.

Ich finde, die Autorin hat sich wirklich perfekt in dieses triste Vorstadtleben hineinversetzt; sie erweckt ihre Figuren zum Leben, weckt Sympathien auch noch mit den größten Schrullen, den scheinbarsten \"Losern\". Am Ende hat man alle gern gewonnen - sogar Marlène.

Was mich aber von 5 Sternen definitiv abhält, ist das Ende. Dies braucht hier nicht näher erläutert zu werden, denn es geht mir nicht darum, WAS geschieht, sondern um die Kürze. Im gefühlten letzten Viertel des Buches geschieht auf einmal sehr viel. Ganz zum Schluss hat Alex eine Eingebung, was sie alle vier gemeinsam machen könnten. Und - bumm! - alle Probleme lösen sich in Wohlgefallen auf. Das wirkte auf mich sehr unbefriedigend, gekünstelt, gewollt. Wie ein \"deus ex machina\". Es sah beinahe so aus, als habe der Abgabetermin genaht, und sie habe das Buch schnell beenden wollen. Oder als habe ein Lektor aus verlagsinternen Gründen mindestens 50 Seiten gestrichen - und aus dramaturgischer Sicht fehlen die nun. Wohlgemerkt, ich freue mich für die Figuren - hätte aber die Wandlung zu diesem Ende hin gerne genauer verfolgt. Dem Buch hätten ca. 50 Seiten mehr sehr gut getan!

Insgesamt bin ich jedoch positiv überrascht von diesem Buch. Denn der Autorin ist ein doch sehr erfrischend zu lesendes Buch gelungen, das den Leser in eine soziale Randgruppe führt, die er sonst wohl nie kennengelernt hätte. Und auch für Behinderte weckt sie große Sympathien. Man sollte jedoch nicht so sehr auf \"logische Enden\" stehen, wenn man dieses Buch lesen möchte.

 


rumble-bee hat insgesamt 76 Rezensionen angelegt.


 
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