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Krimi/Thriller: Das Geheimnis des weißen Bandes: Ein Sherlock-Holmes-Roman: Der neue Sherlock Holmes-Roman
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Titel:      Das Geheimnis des weißen Bandes: Ein Sherlock-Holmes-Roman: Der neue Sherlock Holmes-Roman
Kategorien:      Krimi/Thriller
BuchID:      2250
Autor:      Anthony Horowitz
ISBN-10(13):      3458175431
Verlag:      Insel Verlag
Publikationsdatum:      2011-12-12
Edition:      Deutsche Erstausgabe
Number of pages:      350
Sprache:      Deutsch
Bewertung:     

4.5 
Bild:      cover           Button Buy now



   


Rezensionen
Ein würdiger Nachfolger

06.01.2012 Bewertung:  5 kerry3 vergibt 10 von 10 Punkten

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Es ist ungefähr um 1910: Dr. Watson, der treue Freund und Mitstreiter, sitzt in einer Art Altersheim, Holmes ist vor einem Jahr gestorben, Watson erinnert sich zurück an die spektakulären Fälle, würde dem verehrten Detektiv gerne folgen, hat aber zuvor noch eine Aufgabe: den einen Fall aufzuzeichnen, von dem er bisher nicht wagte, darüber zu berichten. Es nicht wagte aus dem Grund, weil dieser Fall so unglaublich, so erschütternd war, dass er die Gesellschaft der viktorianischen Zeit in ihren Grundfesten zerstört hätte. Und so schreibt er zwar nun die Ereignisse nieder, versiegelt sie aber mit der Auflage, das Päckchen erst in hundert Jahren zu öffnen, wenn die Menschen in der Lage sein werden, die schockierenden Eröffnungen zu verarbeiten:

Holmes und Watson befinden sich in der Baker Street 221b, dem Refugium des Detektivs, als sich der Kunsthändler Edmund Carstairs anmeldet. Er bitte Holmes um Hilfe, da er sich von einem unheimlichen Mann mit einer Narbe im Gesicht verfolgt und bedroht fühlt, in dem er einen irischstämmigen Verbrecher zu erkennen vermeint, der Rachegelüste gegen ihn hegen könnte. Bei einem Kunsthandel mit einem Amerikaner wurden nämlich vor Jahren wertvolle Bilder von einer irischen Verbrecherbande zerstört, bei den Ermittlungen kam der Bruder dieses Mannes ums Leben. Holmes übernimmt den Fall und beauftragt den Straßenjungen Wiggins und seine Gang, die er schon öfter für ein paar Münzen für Recherchen dieser Art eingesetzt hat, den unheimlichen Narbenmann aufzutreiben.

Wiggins und seinem Kumpel Ross gelingt es auch, den Mann in einem miesen Hotel aufzutreiben. Während Wiggins los läuft, um Holmes zu informieren, schiebt Ross Wache – doch als Holmes und Watson in Begleitung von Carstairs am Hotel ankommen, ist der Ire tot, mit einem Messer im Hals ermordet. Ross macht einen verängstigten Eindruck, er scheint mehr zu wissen, will aber aus diesem Wissen wohl Kapital schlagen: Holmes kann ihn nicht aufhalten. Wenig später wird der Junge regelrecht hingerichtet aufgefunden, mit einem weißen Seidenband am Handgelenk. Holmes macht sich die größten Vorwürfe, den Tod des Jungen nicht verhindert zu haben und beißt sich nun wie ein Terrier weiter an dem Fall fest, obwohl er selber ebenfalls ein weißes Seidenband zugeschickt bekommt- in dessen Zusammenhang Holmes und Watson den Begriff „House of Silk“ zu hören bekommen - und sein eigenbrötlerischer Bruder Mycroft ihn dringend vor weiteren Nachforschungen warnt. Mycroft selber konnte trotz seiner hervorragenden gesellschaftlichen Bindungen nicht herausfinden, um was es dabei geht und wurde von oberster Stelle dazu verdonnert, sich nicht weiter darum zu kümmern, als er es für seinen Bruder versuchte.

Holmes setzt eine Anzeige in die Zeitung, in der er eine Belohnung für Informationen über das „House of Silk“ ausschreibt. Tatsächlich meldet sich ein ziemlich zwielichtiger Mann, der Holmes den Rat gibt, eine Opiumhöhle bei den Docks aufzusuchen, weil dort Hinweise zu bekommen seien. Obwohl es sich um eine Falle handeln könnte, wagt sich der Detektiv mit seinem Freund Watson dort hin und wird prompt herein gelegt: ihm wird ein Mord angehängt und er landet im Gefängnis. Watson ist nun vorerst auf sich allein gestellt und versucht Holmes zu helfen, doch ohne auf dessen kombinatorischen Fähigkeiten zugreifen zu können fällt ihm alles andere als leicht…

SPANNUNG

bietet der „neue“ Sherlock Holmes-Roman von der ersten bis zur letzten Seite.

Eigentlich lässt Horowitz seinen Detektiv gleich zwei Fälle lösen: zum einen den des Kunstraubs und der irischen Verbrecherbande, von denen der einzige Überlebende den Kunsthändler zu bedrohen scheint, zum anderen den des geheimnisvollen „House of Silk“ – beide sind im Prinzip völlig eigenständige Dinge, die nur durch den Tod des „Mannes mit der Narbe“ und bedingt dadurch durch den Tod des Straßenjungen Ross eine Verbindung bekommen. Zudem packt Horowitz eine Menge Personen in sein Werk, unter anderem sogar Holmes Erzfeind Moriarty, der Watson einen entscheidenden Hinweis zukommen lässt. Das hätte durchaus verworren und unübersichtlich werden können, aber Horowitz schafft es, den roten Faden nie zu verlieren und den Leser dadurch permanent gefesselt zu halten.

Der ganze Roman ist atmosphärisch dicht und sehr bildhaft im Stil, ich kann mich zwar nicht so genau an die Originalgeschichten erinnern, denke aber doch, dass es Horowitz gelungen ist, eine Spur moderner und dennoch in der Tradition Conan Doyles zu schreiben und dabei keinesfalls eine müde Kopie abzuliefern. Eingefleischte Sherlock-Fans könnte eventuell bemängeln, dass er extrem viel Verweise auf die Originale mittels Erwähnung alter Fälle oder Details wie die Holmes Stradivari, seine Kokainsucht, genauer Beschreibung der Wohnung in der Baker Street etc. einfügt und dies so interpretieren, dass Horowitz zeigen möchte, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat, weniger mehr gewesen wäre. Mir persönlich gefällt allerdings genau dies, erinnert es mich doch an schon längst vergessen Geglaubtes aus den Lesezeiten meiner Jugend und stellt für mich kein lästiges Dejá Vu dar, sondern bietet kleine „Stimmt ja, so kenne ich es von früher.“-Erlebnisse. Und Leute, die nie einen Conan Doyle gelesen haben, werden mit diesen Details wunderbar mit der Welt des Holmes vertraut gemacht.

Besonders schön finde ich, dass man ständig mit rätselt und doch nie wirklich voraus sieht, wie die Dinge miteinander verknüpft sind und wie sich die Fragen nach und nach auflösen, ohne dass es irgendwo einmal unlogisch würde. Ich finde es bewundernswert, wenn jemand so verschlungene Pfade knüpfen kann und dabei nichts Unglaubwürdiges konstruiert. Als Leser kann man sich oft an die Stelle von Watson hineinversetzen, zum Beispiel als er darüber grübelt, wie Holmes aus dem Gefängnis fliehen konnte (ein genialer Trick, das ganz nebenbei) – man grübelt mit und kommt genauso wenig darauf wie der gute Doktor. Und man schmunzelt, wenn Watson über sich und seinen Freund räsoniert: „Wenn man Holmes einen Tropfen Wasser zeigte, würde er daraus die Existenz des Atlantiks herleiten. Ich selbst würde mich nach dem Wasserhahn umschauen. Das war der Unterschied zwischen uns.“

Die endgültige Auflösung und Enthüllung des Geheimnisses um das „House of Silk“ finde ich sehr gelungen. Nicht einen Moment lang wäre ich vorher darauf gekommen und wie Watson hinkte ich der Lösung gewaltig hinterher, während es Holmes schon länger klar war, um was es sich dabei handelte. Natürlich verrate ich sie hier nicht, tatsächlich verstand ich am Ende des Romans aber, warum öffentliche Enthüllungen der Fakten zu dieser Zeit mehr als skandalös gewesen wären und so schließt sich der Kreis Romaneinleitung durch Watson perfekt.

Alles in allem hat mir dieser Krimi also wirklich ausgesprochen gut gefallen. Noch aussagekräftiger ist aber vielleicht das Urteil meines Mannes, eines großen Freunds historischer und klassischer Krimis. Der äußert sich nämlich praktisch nie ungefragt über ein Buch, das er gelesen hat und selbst auf Nachfrage kommt allenfalls ein „Jo, war ganz gut“, ganz nach der schwäbischen Devise „Ned gschimpft isch g´lobt g´nug“ (für Nichtschwaben: Nicht kritisiert ist ausreichend gelobt). Der meinte nämlich, als er mit „Das Geheimnis des weißen Bandes“ fertig war , ohne dass ich danach gefragt hätte: „Der war richtig klasse!“ 5 Sterne also sowohl von ihm als auch von ihm und eine Leseempfehlung für alle, die das Genre mögen.

 


kerry3 hat insgesamt 30 Rezensionen angelegt.


Wo Sherlock Holmes draufsteht, ist auch Sherlock Holmes drin

23.02.2012 Bewertung:  4 rumble-bee vergibt 8 von 10 Punkten

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Nein, Etikettenschwindel kann man dem etablierten Schriftsteller und Drehbuchautoren Anthony Horowitz wahrlich nicht vorwerfen. Wie im Nachwort zu lesen ist, hat er über einen Zeitraum von 8 Jahren hinweg an diesem Projekt gebastelt, hat Originalquellen der viktorianischen Ära konsultiert, hat studiert und umgearbeitet, an diesem Buch gefeilt und gewerkelt. Und nicht zuletzt hat er die ausdrückliche Genehmigung des „Arthur Conan Doyle Literary Estate“ erhalten, was schon eine Auszeichnung in sich zu sein scheint.

Alle, wirklich alle Kennzeichen eines typischen Sherlock-Holmes-Abenteuers sind hier enthalten, so dass sich „alte“ Leser sofort wie zu Hause fühlen: von der Erzählperspektive über das Setting, den Plot, diverse Charaktereigenschaften, übliche Komplikationen bis hin zum Londoner Wetter. Man kann nicht umhin zu denken, dass diese Geschichte genauso vom Meister selbst hätte geschrieben werden können. Nun ja, fast zumindest. Und mit der Begründung dieser Aussage sind wir schon mitten in der Handlung.

In Klappentext und Werbung heißt es, dieser Fall sei anders, düsterer, irgendwie gefährlicher als alle vorher geschilderten Fälle. Und in der Tat, denkt der Leser, wie will es ein heutiger Autor begründen, dass er sich mehr als 80 Jahre nach dem Tod Conan Doyles an eine Fortsetzung wagt? Kann man das logisch hinkriegen, und gleichzeitig die Atmosphäre stimmig halten? Man kann. In einem prägnanten und stimmungsvollen Vorwort liefert der gute Dr. Watson, wie immer der ein wenig naive und dennoch treue Erzähler, die Begründung und Vorgeschichte zu diesem Buch gleich mit. Das ist wirklich nett gemacht: Der Fall sei damals so brisant gewesen, dass die Aufzeichnungen unter Verschluss gehalten werden mussten. Erst 100 Jahre nach seinem, Watsons, Tod seien sie aus dem Bankschließfach zu entnehmen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Lustigerweise, wenn man anhand der alten Geschichten nachrechnet, fallen diese 100 Jahre genau mit der tatsächlichen Veröffentlichung des Buches in unserer Zeit zusammen. Man merkt also, Autor und Verlag haben sich wirklich Gedanken gemacht. So konnte sowohl der damalige, viktorianische Erzählstil beibehalten, als auch die späte Veröffentlichung begründet werden. Es gibt so gut wie keine Stilbrüche, keine Diskontinuitäten (die wenigen Ausnahmen bespreche ich später), und doch ist der Fall auch aus heutiger Sicht lesbar.

Wie üblich, wird ein unangemeldeter Besucher in die Wohnung in der Baker Street 221b geleitet. Ein angesehener Kunsthändler fühlt sich von einer ominösen Person verfolgt. Dieses Motiv hatte man schon öfter, und in der Tat wird der Faden bewährt weitergesponnen.

Wie sich alsbald herausstellt, hat die Angelegenheit mit einem fehlgeschlagenen Kunsthandel und damit verbundenen Todesfällen in Boston zu tun. Doch das raffinierte an diesem Buch ist, dass ein zweiter Strang mit dieser vordergründigen Handlung verknüpft wird. Der angebliche Verfolger wird alsbald tot aufgefunden, und kurz darauf verschwindet ein Straßenjunge, der zu seiner Observierung abgestellt war. Sherlock Holmes ist bald klar, dass er – ganz unerwartet – auf viel mehr gestoßen ist als diesen verunglückten Kunsthandel. Die weiteren Nachforschungen stellt er auf eigene Gefahr an, gerät in diverse, teils tödliche, Fallen, muss mehrfach entkommen, und deckt schließlich in einem packenden Schlussteil gemeinsam mit Watson die wahren Hintergründe auf. Und die sind, so viel sei verraten, für die damalige Zeit wirklich ungeheuerlich. Wir in der heutigen Zeit sind solche Verbrechen, solche Manöver, solche Widerwärtigkeiten – leider – gewöhnt. Daher mutet es kurios, aber passend an, dass Watson schon damals gemeint haben soll, in 100 Jahren könne viel eher über diese Dinge gesprochen werden…

Doch nun zu den Besonderheiten dieses Buches. Die Handlung ist spannend, ja, genau so wie sie in einem solchen Abenteuer sein soll. Watson ist naiv, Holmes brillant, viele Zeugen verkniffen, und die Polizei natürlich zu dämlich. Doch man merkt unbedingt, dass hier ein Drehbuchschreiber am Werk war! Anthony Horowitz hat u.a. Drehbücher für die beliebten „Inspector Barnaby“-Krimis verfasst, und das hat auf seinen Schreibstil ungemein abgefärbt. 

Fast hat man den Eindruck, das Buch bestehe nur aus Dialogen. Zumindest aber zu mehr als zwei Dritteln. Glücklicherweise hat er sich aber an den damaligen Sprachduktus gehalten, und zum großen Teil auf lästige sogenannte „Redebegleitsätze“ verzichtet. Erzählende, berichtende Abschnitte gibt es immer nur dort, wo es gerade passt: bei einer Kutschfahrt, einer Verfolgung, oder am Anfang und Ende eines Kapitels. Überhaupt muss ich zu den Kapitel-Enden anmerken, dass sie immer mit einem Knalleffekt, meist sogar mit einem Cliffhanger, aufwarten. Die Kapitel sind genau portioniert geschrieben, und immer auf einen Effekt hin. Das erzeugt einen nicht unerheblichen Sog nach vorne.

Die Schreibweise, und das Voranschreiten des abwechslungsreichen Plots, sind schon sehr „szenisch“, so als seien sie fürs Fernsehen verfasst worden. In der Tat kann ich mir eine Verfilmung gut vorstellen. Es gibt immer, hübsch aufgeteilt, genau eine Komplikation, eine neue Entwicklung pro Kapitel. Immer genau eine offene Frage im letzten Satz. Und mindestens ein Punkt, den Watson nicht versteht. Das würzt und belebt.

Gewundert hat mich ein wenig, dass der sonst immer so verhasste Inspector Lestrade in diesem Buch vergleichsweise gut wegkommt. Er freundet sich fast mit Watson an, während Holmes im Gefängnis sitzt. Und ausnahmsweise ist er am Ende rechtzeitig zur Stelle.

Sehr lustig fand ich, wie etliche Kennzeichen der damaligen Zeit, die sich heute ganz anders darstellen, veralbert werden. Der Auftraggeber von Holmes ist Kunsthändler, und es ist schon sehr witzig zu verfolgen, welche Bilder er warum vertreibt, was gerade „en vogue“ ist, und welche Maler damals noch völlig unterschätzt werden. So kauft der Händler nur widerstrebend einige Werke von Whistler, und meint, davon werde man ja seekrank… (Heute ist Whistler ein Vermögen wert.) Und über die französischen Maler, die damals gerade erst bekannt wurden, sagt der Händler, ihre Bilder seien ja wenig mehr als „Impressionen“ – genau der Titel, den die ganze Kunstrichtung dann auch bekommen hat! Ich habe schon sehr geschmunzelt. Ferner bezieht sich der Roman auch auf etliche Entwicklungen aus Technik und Kultur, sowie ganz gegen Ende Methoden der Erpressung, die heute verbreitet sind – damals aber noch misstrauisch beäugt wurden. Mich hat beeindruckt, wie viele Gedanken sich der Autor um die historische Einordnung gemacht hat!

Was mich aber wirklich stutzen lässt, ist oftmals die Sprache – wobei ich gerne zugeben will, dass dies der Übersetzung geschuldet sein mag. Manches Mal sind mir einige Sätze zu flapsig für die damalige Zeit; hier hätte ich gerne den Originaltext studiert. Ein definitiver Stilbruch ist auch enthalten: An einer Stelle sagt Watson, Holmes arbeite wie ein „Roboter“. Ähem, Roboter gab es 1890 wohl kaum… der Begriff wurde erst Mitte des letzten Jahrhunderts gebräuchlich. 

Und ein paar offensichtliche Übersetzungsmacken möchte ich auch erwähnen. In London gibt es eine berühmte Straße, „The Strand“. Dies dann im Deutschen nicht als Eigennamen kenntlich zu machen, und einfach mit deutschem Artikel „der Strand“ stehen zu lassen, halte ich für sehr, sehr unglücklich! „Die Kutsche hielt am Strand“… mitten in London?? Das mindeste wäre doch wohl gewesen, das Wort „Strand“ kursiv zu setzen, so dass dem Leser klar wird, dass es sich um einen Eigennamen handelt. Und dieser Fehler kommt drei Mal (!) im ganzen Buch vor!

Mehrere Redewendungen wurden wörtlich übersetzt, die es im Deutschen so nicht gibt. Wie gegen Anfang die „Fantasien bei Mondlicht“. Hier hätte doch wohl eine sinngemäße Übersetzung bessere Dienste geleistet! Und erst der völlig unverständliche Ausruf „Das Wild ist auf.“ Wie bitte?! Das Original lautete wohl „The game is up“… Es stimmt zwar, dass „game“ auch mit „Wild“ übersetzt werden kann, aber das macht doch hier überhaupt keinen Sinn! Es hätte meiner Meinung nach heißen müssen „Die Jagd beginnt“ oder „Das Spiel geht los“ – also auch hier wäre eine eher figurative Übersetzung die bessere gewesen.

Insgesamt gesehen, ist es mir schwer gefallen, mich zwischen vier und fünf Sternen für das Buch zu entscheiden. Atmosphärisch ist es absolut top, keine Frage, und auch die Spannung lässt kaum Wünsche offen. Dennoch, die beschriebenen sprachlichen Macken haben mein Lesevergnügen ein wenig getrübt. Auch hatte ich nicht erwartet, dass der Fall ganz nach bewährtem Strickmuster gelöst wird. Ich hätte eher eine Verfremdung oder Neudichtung des Sherlock-Holmes-Mythos erwartet. Doch ich will nicht zu schwarz malen. Immerhin hatte ich das Buch in kürzester Zeit gelesen, und habe mich prächtig an frühere Leseerfahrungen erinnert gefühlt. Ich entscheide mich also mit relativ gutem Gewissen für  acht von zehn Punkten.


rumble-bee hat insgesamt 76 Rezensionen angelegt.


Eine gelungene Fortsetzung

09.03.2012 Bewertung:  4.5 allegra vergibt 9 von 10 Punkten

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Anthony Horowitz versucht mit diesem Roman den Faden von Arthur Conan Doyle aufzunehmen und eine neue Geschichte um den Meister-Detektiv Sherlock Holmes und seinen Freund und Assistenten Dr. Watson zu schreiben. Da ich das sehr mutig fand und es mich sehr interessierte, ob es gelingt, den Geist dieses Klassikers aufzugreifen oder ob es lediglich ein moderner Abklatsch ist, habe ich zu diesem Buch gegriffen. Da ich vor wenigen Wochen den neuen Kinofilm, Sherlock Holmes 2 / „Spiel im Schatten“ gesehen habe und ziemlich enttäuscht darüber war, habe ich nicht allzu viel von diesem Buch erwartet. Der Autor war mir ausschließlich bekannt von verschiedenen Kinderbüchern.

Das Buch ist wie die Originale aus der Sicht von Dr. Watson in der Ich-Form geschrieben. Watson spricht im Vorwort den Leser direkt an und erklärt, wie diese Geschichte in die bestehende Chronik von Sherlock Holmes einzuordnen ist und verrät schon mal, dass es sich um schockierende Enthüllungen handeln wird.

Die sehr gewählte und anfangs etwas ungewohnte Sprache der ersten Kapitel, die zumindest in der deutschen Übersetzung sehr nah an den Originalen ist, lässt gleich „Sherlock Holmes“-Gefühle erwachen. Leider lässt dieser ausdrucksstarke Schreibstil im Laufe der Geschichte etwas nach und passt sich dem heute gängigen Stil an, was sich zwar vorteilhaft auf den Lesefluss auswirkt, aber leider doch etwas an Atmosphäre einbüßen lässt.

Selbstverständlich begegnet man auch alten Bekannten. So fehlt die treue Mr. Hudson, die Holmes den Haushalt führt ebenso wenig wie sein Bruder Mycroft und Inspektor Lestrade von Scotland Yard. Anders als in den Büchern von Conan Doyle werden zwei Fälle geschildert, die zwar miteinander verknüpft sind, dennoch könnten sie genau so gut für sich stehen.

Ich empfand die Charaktere als glaubhaft. Allerdings ist es einige Zeit her, dass ich die Originale gelesen habe, so dass nicht wirklich beurteilen kann, ob Horowitz die Persönlichkeiten von Watson und Holmes genau so trifft, wie sie Conan Doyle zum Leben erweckt hat. Die Beschreibungen des schmuddeligen, düsteren und feuchtkalten Londoner Winter haben mich auf jeden Fall überzeugt. Und auch die Szenen in Bakerstreet 221b haben mich lebhaft an den Besuch des Sherlock Holmes Museums erinnert, das ich vorletzten Sommer mit meinen Kindern besuchte.

Über den Inhalt möchte ich jetzt gar nicht mehr schreiben, sonst verrate ich noch zuviel. Wer gerne ins London um 1890 herum eintauchen und an der Seite des berühmtesten Detektivs über spannende Fälle rätseln möchte, dem kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen. Im Nachwort schreibt Anthony Horowitz: “Dieses Buch zu schreiben war eine große Freude, und meine einzige Hoffnung ist die, dass ich dem Original wenigstens halbwegs gerecht geworden bin. Ich kann nur sagen: „Auf jeden Fall!“

Einen kleinen Abzug gibt es, weil für mich die Auflösung des einen Kriminalfalles zwar sehr spannend aber letztlich doch nahe liegend war.

Ich vergebe 4,5 Sterne


allegra hat insgesamt 31 Rezensionen angelegt.


 
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